2. Bevölkerung
2.1. Struktur
In und um STOLAC kam es während des Krieges zu größeren Kampfhandlungen. Es ergaben sich als Folge des Konfliktes erhebliche Bevölkerungsverschiebungen. Vor dem Krieg stand bei einer Gesamtbevölkerung von 18.300 Menschen der Majorität von 7.500 Bosniaken eine fast gleich große Anzahl von 6.400 bosnischer Kroaten, 3.900 bosnischen Serben und 500 Jugoslawen gegenüber.
1 Diese siedelten sowohl innerhalb der Stadt STOLAC als auch verstreut auf dem Land. Fast alle Bosniaken, Jugoslawen und bosnischen Serben verließen im Verlauf des Krieges die Gegend, nur eine kleine Zahl meist älterer Menschen blieb während der Kriegszeit in ihren Häusern. Die Veränderung der Bevölkerungsstruktur verdeutlicht die folgende Tabelle:2Ethnie |
Bevölkerung vor dem Krieg |
Bevölkerung nach dem Krieg |
davon Vertriebene |
| Bosniaken | 7.500 |
900 |
185 |
| Bosnische Serben | 3.900 |
120 |
120 |
| Bosnische Kroaten | 6.400 |
11.000 |
4.500 |
| Angehörige anderer Ethnien | 500 |
30 |
30 |
| G E S A M T | 18.300 |
12.050 |
4.835 |
Heute hat die Opcina ca. 12.000 Einwohner.
3 Mehr als 4.800 Bewohner des Verwaltungsbezirkes sind Vertriebene. Bei der überwiegenden Mehrzahl handelt es sich um bosnische Kroaten die aus KAKANJ, VARES und KISELJAK nach STOLAC kamen. Die überwiegende Zahl der Vertriebenen will auf Dauer in STOLAC bleiben.4Die Gemeinde hofft auf internationale Unterstützung, um dauerhafte Unterkünfte für diesen Personenkreis schaffen zu können. Diese leben bislang mit Masse in verlassenen, früher bosniakischen Wohnungen und Häusern bzw. provisorischen Unterkünften.
5 Viele von ihnen streben den Tausch oder Verkauf ihrer Wohnungen und Häuser auf dem Gebiet der heutigen RS an.6Laut der Statistik des Arbeitsstabes Schlee hielten sich im Herbst 1997 1.063 Flüchtlinge in der BUNDESREPUBLIK DEUTSCHLAND auf. Von ihnen bekundete keiner den Willen zur Rückkehr nach STOLAC.
7 Die Opcinaverwaltung gibt auch an, daß den Behörden bis zum September 1998 keine Rückkehrer aus DEUTSCHLAND bekannt wurden.8Rückkehrer können sich nach den in der FBuH gültigen Gesetzen bei den Behörden registrieren lassen.
9 Nach Zuerkennung des Flüchtlingsstatus werden sie von den öffentlichen Sozialdiensten versorgt. Durch die Finanzknappheit im Geschäftsbereich des Sozialministeriums kann das Sozialamt in STOLAC allerdings keine familienbezogene Sozialarbeit durchführen.10Die Behörden versuchen, Flüchtlinge trotz des geringen Stellenangebots in den Arbeitsprozeß einzugliedern. Aus sozialen Beweggründen werden solche Arbeitsuchenden bevorzugt, die große Familien versorgen müssen. Die berufliche Qualifikation eines Bewerbers wird hingegen oft erst in zweiter Linie berücksichtigt. Für die staatlichen Betriebe ergibt sich hieraus ein hoher Prozentsatz wenig produktiver Arbeitnehmer. Die verdeckte Arbeitslosigkeit ist in Wahrheit weit höher, als dies aus den offiziellen Arbeitsmarktstatistiken ersichtlich ist (vgl. Kapitel Beschäftigung und Wirtschaft).
Flüchtlinge und eingesessene Einwohner erhalten gleichermaßen humanitäre und medizinische Hilfe. Die Zuwendungen erfolgen nach den Kriterien und Maßgaben des Sozialamtes und in Zusammenarbeit mit dem Roten Kreuz. Anspruchsberechtigt sind Obdachlose, Waisen, psychisch Kranke, Behinderte, Frauen über 60 und Männer über 65 Jahre, sofern sie nicht durch eigene Kinder versorgt werden können. Die Zahl der Bedürftigen, die humanitäre Hilfe in Anspruch nehmen, ist nicht bekannt.
2.2. Einstellungen und Voraussetzungen für die Aufnahme von Rückkehrern
Bürgerbefragungen ergaben, daß es während des Krieges in STOLAC zu gewalttätigen Ausschreitungen kam. Zu Beginn des Krieges wurde die Opcina STOLAC von der von der serbischen Armee erobert. Die bosnische Bevölkerung floh daraufhin größtenteils nach MOSTAR, die bosnisch-kroatische Bevölkerung überwiegend nach CAPLJINA. Im August 1995 eroberte die HVO STOLAC zurück. Die bosnisch-serbische Bevölkerung floh nach TREBINJE, die ortsansässigen Kroaten kehrten nach STOLAC zurück. Die ersten ca. 115 Bosniaken kehrten erst im Juni 1997 im Rahmen eines vom UNHCR organisierten und von DÄNEMARK finanzierten Pilotprojektes wieder in ihre Heimat zurück. Fast alle Bosniaken, bosnischen Serben und Jugoslawen haben ihrer Heimat den Rücken gekehrt. Ihre Häuser wurden ebenso wie die Moscheen der Opcina unbrauchbar gemacht. Die eigene Erkundung ergab, daß hier nicht nur Hausrat und Baumaterial geplündert wurden, sondern oftmals auch planmäßige Zerstörungen stattfanden.
Bislang liegen der Gemeindeverwaltung noch keine Anträge auf die Rückkehr von Bosniaken nach STOLAC vor.
Die Behörden stehen Rückkehrabsichten prinzipiell sehr ablehnend gegenüber und verweisen auf das Fehlen von Arbeitsplätzen und Wohnraum in der Opcina.
11 Mit internationaler Hilfe wurden hier lediglich erste Schritte getan, so bei der Verbesserung der Wasserversorgung, der Renovierung des Sanitätszentrums sowie der Schulen. Die Opcinaverwaltung gibt zunächst der Unterbringung und Integration der bosnisch-kroatischen Kriegsflüchtlinge Priorität gegenüber der Aufnahme neuer Rückkehrer. Sollten die in diesem Zusammenhang bestehenden Schwierigkeiten überwunden werden, wollen die Behörden auch die Wiederansiedelung der ehemaligen bosniakischen Einwohner unterstützen. Die Lösung der anstehenden Probleme in absehbarer Zeit wird allerdings von Angehörigen internationaler Organisationen als sehr unwahrscheinlich betrachtet.12Zusammenfassung: In STOLAC kam es während des Krieges zu größeren Kampfhandlungen, die deutliche demographische Verschiebungen nach sich zogen. Beinahe die gesamte bosniakische-, bosnisch-serbische- und jugoslawische Bevölkerungsgruppe verließ ihre Wohnorte, während heute mehr als 4.500 bosnisch-kroatische Kriegsflüchtlinge in STOLAC eine neue Heimat gefunden haben. Die Gemeindeverwaltung will zunächst für die Integration dieser Menschen sorgen. Dies wird erschwert durch das Fehlen von Wohnraum und Arbeitsplätzen. Die Bereitschaft, zusätzlich bosniakische Rückkehrer in größerer Zahl aufzunehmen, ist z.Zt von Seiten der Opcinaverwaltung, nicht erkennbar.
1 Zahlen der Opcinaverwaltung. Das Sozialministerium der FBuH nennt
für die Vorkriegszeit einen Anteil von 9.415 Bosniaken, Kroaten und
"Jugoslawen" an der Gesamtbevölkerung von STOLAC. Als "Jugoslawen"
bezeichneten sich meist besonders linientreue Angehörige der staatlichen Nomenklatura.
Vgl. BOSNIA AND HERZEGOVINA. Federation of Bosnia and Herzegovina. Ministry of Social
Affairs, Displaced Persons and Refugees, Year of 1998 (Stand: 1998 = Bosna i
Hercegovina. Federacija Bosne i Hercegovine. Ministarstvo Socijalne Politike, Raseljenih
Osoba i Izbjeglica, Year of Return 1998); ähnliche Zahlen bei REPUBLIK ÖSTERREICH, BKA
IV/12, 1997.
2 Angaben der Gemeindeverwaltung STOLAC,
Juli 1998; die IMG ging zum Jahresende 1996 von ähnlichen Zahlen aus.
3 Angabe des Erkundungstrupps, August 1998.
4 Gespräch mit dem stellv. Bürgermeister
von STOLAC, August 1998.
5 Gespräch mit dem stellv. Bürgermeister
von STOLAC, August 1998.
6 Angaben des Erkundungstrupps, August 1998.
7 UNHCR, Report 03/10, 24.07.1997.
8 Angaben der Gemeindeverwaltung STOLAC,
Juli 1998.
9 Wegen der Weigerung ein Zentrum für
Rückkehrerangelegenheiten und eine Abteilung zur Bestandsauf- nahme zerstörten Wohnraums
in der Opcina STOLAC einzurichten, wurde im ersten Quartal 1998 der Bürgermeister von
STOLAC, Herr Pero RAGUZ, auf Drängen der Internationalen Gemeinschaft von der
Kantonsregierung abgesetzt. Trotzdem gilt er, zusammen mit Herrn PERIC
, dem Inhaber des RENNER Unternehmens, als die einflußreichste Persönlichkeit im
gesamten Verwaltungsbezirk.
10 Angaben des Erkundungstrupps, August
1998.
11
Ebenso wiesen die Stadtratsmitglieder darauf hin, daß viele bosnische Kroaten, die in der
RS lebten, in die Föderation übersiedeln wollten. Angaben des Erkundungstrupps, August
1998.
12 OSCE-Bericht, August 1998.